An der Autobahn (Tagebucheintrag)

by s
Ich hafte an einem blauen Abend. Ich sitze im Auto auf einem Feldweg neben einer Autobahn. Das ständige Vorbeirasen der Fahrzeuge beruhigt mich, eine Geräuschkulisse, die in ihrer Eigenart gleichzeitig laut und dennoch nicht ohrenbetäubend durch das 1/7-geöffnete Fenster dringt. Ich nenne diese Art statisch, weil die Verkehrslaute letztendlich in einem kurzen Abstand, also fast nahtlos, aufeinanderfolgen und somit ein kontinuierliches Hintergrundrauschen erzeugen. Deshalb fließen meine Gedanken beruhigt in dieser Frequenz, die Gleichheit des Rauschend entlastet meine Sinne.
So viele Ziele verkehren in einem Moment. Sie treten flugs in mein Leben ein, ich kann sie anhand der Geräusche ihrer Fahrzeuge kurzerhand grob ausmachen. Der Fahrer eines schweren Lastwagens beginnt seine Nachtschicht, er beschleunigt gerade auf der Auffahrt. Wahrscheinlich nach Italien, da er in den Süden fährt.
Darauf überholt ihn ein Familienwagen. Ich erkenne das Pfeifen der Dachbox, das ab ca. 130 km/h eintritt. Sie fahren zurück aus oder hin in den Urlaub? Es ist ein Montagabend.
Das erinnert mich an eine Fahrt nach Kosovo.
Es war ein Winter, wie ein Winter sein muss, zwei Tage vor Weihachten.
Die Autobahn kurz vor Linz war vollgeschneit und während die Flocken mir wie in der achten Plage gegen die Scheiben fliegen, ploppte plötzlich ein Gedanke auf: Wie schön. All die Leute die sich jetzt durch den Schnee kämpfen und zu ihren Liebsten fahren, können ein weißes Weihnachtsfest feiern. Es fühlte sich an wie in einem 90er Winterfilm, so nostalgisch - dieses Gefühl äußerst sich in meinem Körper immer wie zarte Wärme um die Rippen.
Es wird langsam kühl, dennoch lasse ich das Autofenster ein wenig offen, sonst höre ich die Fahrzeuge nicht mehr passieren!
Ich habe jetzt schon seit gut drei Jahren keine Freunde und selbst davor nur einen, mit dem ich die Liebe zur Musik teilte. Es ist ehrlich gesagt gar nicht so schlimm. Selbst wenn ich immer bei P. war, hatte ich zwar eine heitere Zeit und viel gelacht, aber empfand diese tief drinnen paradoxerweise als nutzlos - ein besseres Wort wäre wohl unproduktiv. Viele wollen nicht verstehen, dass ich der Typ Mensch bin, der einfach gerne allein ist. Freiheit ist mir sehr wichtig in jedem Aspekt des Lebens. Meine Gedankenwelt ist ohnehin genug beschäftigt. Somit bin ich erklärtermaßen unglaublich gerne allein, ich würde sagen, ich bereite mich vor wie ein alter Weise, auf das Alleinsein im Sterben. Immer wenn ich auf soziale Versammlungen gehen muss, möchte ich so schnell wie möglich weg. Ich verstehe, wenn Leute bleiben, weil sie durch den Austausch von Nettigkeiten und Neuigkeiten ihre Beziehungen pflegen und darüber hinaus wohl diese Beziehungen benötigen, um spirituell, beruflich oder mental weiterkommen müssen, aber meines Erachtens verenden diese Konversationen in ein abgelenktes Nichts. Eine Ablenkung für Leute, die wenig Eigengeschehen im Kopf haben möchten, wobei 90% des Gesagtem wieder vergessen wird und nur ein bleibender Rückstand von Verbundenheit sich irgendwo im Unterbewusstsein festsetzt, na, wem das hilft, der soll mein Gast sein!
Ein blattarmer Baum säuselt müde vor sich hin im Abendwind. Er hat mehr gesehen als ich, ohne Beziehungszeitvergeudung. Ich würde mich freuen, wenn man die Erinnerungen von Bäumen abzapfen und in eine Videodatei konvertieren könnte, dieser Baum speziell scheint reich an solchem zu sein. Er hat mehr gesehen als ich und wird auch im Anschluss mehr sehen, wenn ich wieder weg bin.
Ich bin 28, noch kann ich jung sterben. Alt-Sein ist lediglich palliativ.