Über die Unwillkür des Künstlers

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„Nehmt, kann man sagen, der Kunst die Objektivität, so hört sie auf zu sein, was sie ist, und wird Philosophie; [und vice versa] – Die Philosophie erreicht zwar das Höchste, aber sie bringt bis zu diesem Punkt nur gleichsam ein Bruchstück des Menschen. Die Kunst bringt den ganzen Menschen, wie er ist, dahin, nämlich zur Erkenntnis des Höchsten, und darauf beruht der ewige Unterschied und das Wunder der Kunst."1

Mit diesem Satz im letzten Abschnitt seines Werkes kontrastiert Schelling die Philosophie und die Kunst, gleichsam das Kunstprodukt, indem er dem Kunstcharakter, anders als der Philosophie, welcher mit der Erreichbarkeit eines Höchsten eine Grenze eben bis zum Punkt des denkbaren Höchsten gesetzt sei, eine unwillkürlich produzierte Unendlichkeit beimisst. Die Unwillkür des Produzierens entsteht aus einem Gefühl eines scheinbar unendlichen Widerspruchs im Ich des Künstlers. Zunächst aber soll näher erläutert werden, was das Ich überhaupt sei und welche Rolle des Produzierenden in der Kunst spielt.


Das Ich nach Schelling, ähnlich wie bei Fichte, welcher das erste Wissen, das Wissen über sich selbst, also das Selbstbewusstsein nennt, solle nicht vom Denken unterschieden werden, sondern insofern das Denken selbst sein, als es für sich selbst entstehe (als Produziertes sowie als Produzierendes), sodass man in einer beständigen inneren Tätigkeit, in einem beständigen Produzieren jener ursprünglichen Handlungen des Subjekts, also des Ichs, und sodass man in Reflexion auf dieses Produzieren begriffen also immer zugleich das Angeschaute (Produzierende) und das Anschauende sei.

Man erfährt also nur dann das Ich, wenn es hervorgebracht wird als die absolute Identität des Seins und des Produzierens.2 Somit vollendet das Absolute; und das Vollendete bekundet im Zusammenfall mit ersterem eine unveränderliche Identität, welche aus dem Produkt, des sich selbst Produzierenden emaniert.

Nun postuliert Schelling einen Widerspruch im Akt des künstlerischen Produzierens. Das Vollendete des Produkts sei, was das Ich für die Philosophie ist, nämlich das Höchste absolute Reelle, was selbst nie objektiv wird, aber die Ursache alles Objektiven ist. Die Tätigkeit der Vollendung eines Produkts, also die bewusste Tätigkeit und die bewusstlose Tätigkeit, welche der Natur entspringt, können im freien Handel nicht identisch werden, denn wäre dies realisiert, so fielen bewusste Tätigkeit und das Bewusstlose zwar in sich zusammen als Eins, jedoch nicht zum Zwecke der Einheit für die Befriedigung des Ichs.

Diese Zwistigkeit befördert das künstlerische Subjekt in Bewegung; der Künstler oder eher das Produkt des Künstlers will diesen Widerspruch auflösen. Die Kunst spricht Dinge aus, die der Künstler selbst anfänglich nicht durchblickt, denn sie greift unendlich tief in die Bewusstlosigkeit, sodass unendlich viele Auslegungen entstehen. Der gesamte unwillkürliche Trieb des Künstlers zu produzieren, entsteht hingegen mit der Aussicht auf die Vollendung des Produkts. Eine Strophe in Goethes Gedicht „Zueignung“ stellt diese scheinbare Unerreichbarkeit der absoluten Vollendung (etwas dramatischer als gewollt) dar:
Ein Schauer fasst mich, Träne folgt den Tränen,
das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
was ich besitze, seh' ich wie im Weiten,
und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten.3
In der Tat folgt auf das Zusammentreffen der bewussten und unbewussten Tätigkeiten eine Unerklärlichkeit, die sich aus der Ergriffenheit, oder wie Schelling sagt, aus der Rührung des Künstlers herausschält. Dies sei zweifellos „ein Widerspruch, der das Letzte in ihm, die Wurzel seines ganzen Daseins (ergo: das Wahre an sich), angreift.4

Dem Künstler wird gewahr, dass etwas Unbekanntes, im Kontrast zum letzten Vers, in dem das Entschwundene zur Wirklichkeit wird, für ihn als eine erscheinende Unwirklichkeit manifestiert, die es aufzulösen gilt. Dieses Unbekannte aber, was hier die objektive und die bewusste Tätigkeit in unerwartete Harmonie versetzen soll5, und das als äußerster und letzter Widerspruch in uns aufzulösen gilt, scheint nicht unerklärlich zu sein. Denn das Unerklärliche ist weder das Geheimnisvolle, unter dessen Druck ein Künstler erpicht sei, Kunst zu schaffen, auch nicht das Unbekannte. Das Unerklärliche ist meiner Meinung nach etwas, das mit einer gewissen Ausdehnung und Gewandtheit das widersprüchliche Schema zu sprengen vermag, wohingegen das Unbekannte den künstlerischen Trieb des Produzierens veranlasst, mit ihrer Vollendung, alle Widersprüche aus der Unerklärlichkeit aufzuheben, sodass aus der Freiheit, also aus einer unendlichen Entgegensetzung der beiden Tätigkeiten, die Unerklärlichkeit als gelöst quittiert werden kann.

Das Unbekannte ist semantisch nie bekannt, mutmaßlich nicht beeinflussend und nicht beeinflussbar. Das Unerklärliche hingegen kann man beeinflussen und durch die Lösung dessen irgendwann erklären. Diese Aufgabe ist dem Genieprodukt vorbehalten, welches über dem Subjekt (Intelligenz) und dem aus den beiden Tätigkeiten resultierenden Kunstprodukt steht, vorbehalten.

Letztendlich, um Zugriff auf das unendliche Produkt der Kunst zu erlangen, ist es notwendig zu erkennen, „dass nicht nur unabhängig von uns eine Welt der Dinge außer uns existiere, sondern auch, dass unsere Vorstellungen so mit ihnen übereinstimmen, dass an den Dingen nichts anderes ist, als was wir an ihnen vorstellen.6


  1. 1. F. W. J. Schelling, System des transzendentalen Idealismus, Meiner, Hamburg 1957 (fortlaufend als SdtI gekennzeichnet), S. 299
  2. 2. Vgl. ebd., S. 39f.
  3. 3. Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 7-11.
  4. 4. SdtI., S. 285
  5. 5. Ebd., S. 284
  6. 6. F. W. J. Schelling, Band III, 1: Briefwechsel 1786–1799, Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart 2001, S. 346