„Nehmt, kann man sagen, der Kunst die Objektivität, so hört sie auf zu sein, was sie ist, und wird Philosophie; [und vice versa] – Die Philosophie erreicht zwar das Höchste, aber sie bringt bis zu diesem Punkt nur gleichsam ein Bruchstück des Menschen. Die Kunst bringt den ganzen Menschen, wie er ist, dahin, nämlich zur Erkenntnis des Höchsten, und darauf beruht der ewige Unterschied und das Wunder der Kunst."1
Mit diesem Satz im letzten Abschnitt seines Werkes kontrastiert Schelling die Philosophie und die Kunst, gleichsam das Kunstprodukt, indem er dem Kunstcharakter, anders als der Philosophie, welcher mit der Erreichbarkeit eines Höchsten eine Grenze eben bis zum Punkt des denkbaren Höchsten gesetzt sei, eine unwillkürlich produzierte Unendlichkeit beimisst. Die Unwillkür des Produzierens entsteht aus einem Gefühl eines scheinbar unendlichen Widerspruchs im Ich des Künstlers. Zunächst aber soll näher erläutert werden, was das Ich überhaupt sei und welche Rolle des Produzierenden in der Kunst spielt.
Ein Schauer fasst mich, Träne folgt den Tränen,
das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
was ich besitze, seh' ich wie im Weiten,
und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten.3
- 1. F. W. J. Schelling, System des transzendentalen Idealismus, Meiner, Hamburg 1957 (fortlaufend als SdtI gekennzeichnet), S. 299
- 2. Vgl. ebd., S. 39f.
- 3. Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 7-11.
- 4. SdtI., S. 285
- 5. Ebd., S. 284
- 6. F. W. J. Schelling, Band III, 1: Briefwechsel 1786–1799, Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart 2001, S. 346